Egal ob bei Shakespeare oder in Hollywood, „alte“ Geschichten neu zu erzählen ist schon immer ein Erfolgsrezept gewesen. Doch auch in anderen Bereichen findet man unerwartete Pioniere im „Geschichtenerzählen“: In der digitalen Welt der Computerspiele sind historische Kulissen schon lange in Gebrauch und werden spektakulär inszeniert. Umso erstaunlicher ist es, dass diese Technologien erst langsam Einzug in Museen und andere „klassische“ Erzählwelten finden.

Deshalb blicken wir heute einmal über unseren eigenen Tellerrand der Unternehmens- und Industriekommunikation und schauen zur Inspiration auf drei Bereiche, die reich an Beispielen digitaler Darstellung von Geschichte sind.

1. Computerspiele – digitale Vorreiter der Geschichtskommunikation

Auch wenn es in Anbetracht früher Computerspiele mit ihren Protagonist:innen aus wenigen kleinen Pixeln schwer zu glauben scheint: Geschichten und Kulissen haben für die Gaming-Industrie schon seit Jahrzehnten eine zentrale Bedeutung bei der Inszenierung ihrer Produkte. Aus diesem Grund ist die Branche schon lange ein Vorreiter darin, die visuelle Übersetzungsleistung digitaler Medien zu nutzen, um Geschichte erlebbar zu machen. Schon im Klassiker Oregon Trail von 1971 tauchten Spieler:innen tief ins 19. Jahrhundert ein – wenn auch noch vor allem in textbasierter Form.

Doch seitdem wurde die Technik erheblich verbessert. Fortschritte in 3D-Rechenleistung erlauben die Entwicklung immer aufwendigerer und lebensechterer virtueller Räume, die es ermöglichen, in riesige und detailreiche Welten einzutauchen. Spieler:innen können so an großen Ereignissen der Geschichte direkt teilhaben – oder sie als Hintergrund für ihre eigenen Stories nutzen. Geschichte wird dadurch in einem interaktiven Medium zu einem direkt erlebbaren, spürbaren Element.

Anders als bei der Darstellung von Unternehmens- oder Institutionsgeschichte spielt wissenschaftliche Exaktheit in der Handlung hier jedoch keine Rolle. Populäre Titel wie etwa die Assassins’s Creed-Reihe betreiben keine klassische Geschichtsvermittlung. Trotzdem legen die Entwickler enorm viel Wert auf Details: Architektur, Bekleidung oder Technologien der Vergangenheit werden oft mit Hilfe renommierter Spezialist:innen bis ins Kleinste nachgebildet. Titel wie Battlefield 1 oder Kingdom Come: Deliverance können als Vorbild dienen, wie sich historische Settings zum Leben erwecken lassen.

Der weltweite Erfolg der Spiele-Branche liefert auch praktische Vorteile: Weit verbreitete, lizensierbare 3D-Engines, umfassende Modell-Datenbanken oder komplett importierbare virtuelle Räume erlauben inzwischen auch in kleineren Maßstäben hollywoodreife Inszenierungen. So können auch Firmen ihre Produkte oder historischen Erbstücke virtuell präsentieren und Besucher:innen zum Erkunden und „Anfassen“ einladen – dichter dran als in jedem Museum.

2. Clicken, Navigieren & Interaktion - immersives Objekterlebnis

Dass Multimedia bewegt und multisensuale Kommunikation schafft, beweist auch ein Projekt von „PS.SPEICHER“, dem größten Oldtimer Museum Europas im niedersächsischen Einbeck: Auf einem großformatigen Display kann das Kult-Moped Kreidler Florett RS aus den 1960er Jahren als 3D-Modell vom Betrachter mittels hochmoderner Gestensteuerung nicht nur bewundert, sondern auch „frisiert“ und rennfertig ausgebaut werden. Indem die Nutzer:innen mit der interaktiven Tuning-Wand interagieren, erfahren sie, wie sich die Tuning-Teile auf die Leistung des Kult-Mopeds auswirken. Motorrad- bzw. Oldtimerfans kommen bei dem interaktiven Angebot in mehrfacher Hinsicht auf ihre Kosten: Nicht nur dass sie ein Kult-Moped (virtuell) herrichten können, sie erfahren mittels animierter Informationen auch viel Wissenswertes zu weiteren historischen und heute meist vergessenen Motorradherstellern. Die Besucher:innen können mittels immersiver Technik durch ein Jahrhundert deutscher (Fahrzeug)Geschichte navigieren und ganz in die Fahrzeugwelt von früher eintauchen.

Der entscheidende Faktor für die historische Kommunikation ist hier vor allem die Interaktivität, mit der Nutzer:innen abgeholt und eingebunden werden. Die Begeisterung für die Technologie und die zahlreichen Möglichkeiten zum Erkunden und selbst Ausprobieren lassen die Besucher:innen tief in die Geschichte des Objekts eintauchen und schaffen Raum, um auch darüber hinaus die spannende Geschichte einer ganzen Branche zu erzählen. Für Industrieunternehmen, egal ob im B2B oder im B2C, zeigt sich, dass es ebenso reizvoll sein kann, für ihre Kunden Produkte von damals und heute detailliert zu präsentieren und deren Entwicklung und Anwendungen digital erlebbar zu machen.

3. Digitale Rekonstruktionen – ein Vorbild nicht nur für die Forschung

Digitalisierung ist aber nicht nur ein Mittel für eine zeitgemäße Präsentation, sondern auch ein mächtiges Werkzeug für die Wissenschaft. Die virtuelle dreidimensionale Darstellung historischer Fundstücke eröffnet gerade der Archäologie ganz neue Möglichkeiten der Geschichtsforschung und -vermittlung. Moderne Scans und Visualisierungen machen etwa das Innere von jahrtausendealten, hochempfindlichen Papyri sichtbar, ohne dass diese entrollt werden müssen.

Die technischen Möglichkeiten für solche virtuellen Rekonstruktionen wurden dabei in den letzten Jahren erheblich weiterentwickelt und erlauben ihren Einsatz in ganz neuen Maßstäben: Im Falle des ältesten Salzbergwerks der Welt im österreichischen Hallstatt haben sich Archäologinnen des Naturhistorischen Museums in Wien mit Multimediaprofis zusammengetan und eine bemerkenswerte virtuelle Welt erschaffen. Auf eindrückliche Weise werden das Erbe des über 7.000-jährigen Salzabbaus seit der Bronzezeit und das Leben der Menschen in dieser Zeit detailreich vermittelt.

Solche Rekonstruktionen, selbst im größeren Stil, sind nicht nur didaktische Spielerei – sie erlauben einen ganz neuen Blick in die Geschichte. Und dank technologischer Fortschritte ist ihr Einsatz inzwischen auch außerhalb langjähriger Forschungsprojekte plausibel. Gerade für Unternehmen, deren Gründung in Zeiten zurückreicht, in denen es noch keine Fotografie gab, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten: Mit der entsprechenden Sachkenntnis lassen sich auch längst nicht mehr vorhandene Produktionsstätten und Produktionsabläufe wieder zum Leben erwecken - die Geschichte des Unternehmens wird dadurch ganz neu erlebbar.

Die hier angedeuteten medialen Möglichkeiten eignen sich auch hervorragend für Corporate History Communication, um Unternehmensgeschichte spannend zu inszenieren und einer breiten Öffentlichkeit lebendig zu vermitteln – und das nicht nur für die Spiele-Begeisterten. Nicht zuletzt für Mitarbeiter:innen und Bewerber:innen eröffnet sich die Möglichkeit, ein Unternehmen nicht nur in seiner aktuellen Form kennenzulernen, sondern auch seine Entwicklung zu erleben: Wie haben sich die Arbeitsabläufe verändert, welche Maschinen wurden und werden eingesetzt, was für eine Firmenkultur wurde und wird gelebt? So wird, dank moderner Technologien, aus digital aufbereiteter Geschichte ein greifbares, spürbares Erlebnis.

Bild von Vincent Ciro auf Pixabay