Seuchen - sie sind der Fluch der Menschheit. Ihre Bekämpfung ist, damals wie heute, vor allem ein einziger Wettlauf gegen die Zeit.

Wie sehr Epidemien und Pandemien das ganze Leben und weltweite Geschehen zerrütten können, beweist gegenwärtig das plötzliche Auftreten und die Verbreitung des  COVID-19 Virus.

Ein Blick in die Vergangenheit gibt allerdings Aufschluss darüber, dass jene, teils länderübergreifenden Epidemien kein neuzeitliches Phänomen darstellen. Vielmehr treten derart tödliche Seuchenzüge seit der Sesshaftigkeit des Menschen vor über tausenden von Jahren als sogenannte „Konstante“ in der globalgeschichtlichen Perspektive regelmäßig wiederkehrend in Erscheinung. Die Ursachen sind im Zusammenhang von Hygiene, sozialen Bedingungen, Geopolitik, Klimawandel und Veränderungen von Ökosystemen zu verorten. Seuchen wie Aids, Cholera, Ebola, Grippe und Pest haben bis heute ihren Schrecken nicht verloren. Sie erlangten nicht zuletzt dadurch traurige Berühmtheit, dass sie tiefgreifende wirtschaftliche, soziale sowie (geo-) politische Folgen nach sich zogen.

Michel Thirolaix, ein behandelnder Arzt am Hôpital de la Pitié in Paris während der Spanischen Grippe erklärte den Eindruck der Einzigartigkeit der gegenwärtigen Situation folgendermaßen: Menschen erinnerten sich zu wenig an gravierende Epidemien. Echte Pandemien würden nur einmal pro Generation auftreten, was zu selten für das menschliche Gedächtnis sei.

Tatsächlich liegt die letzte Pandemie mit H1N1, umgangssprachlich auch „Schweinegrippe“ genannt, nur zehn Jahre zurück. Innerhalb von sieben Monaten, von April bis November 2009, wurden weltweit 11.634 Tote verzeichnet. Der Grund, weshalb sie uns jedoch nicht als besonders bedrohlich in Erinnerung geblieben ist, war das Ausbleiben weitreichender Maßnahmen wie die Tragepflicht eines Mund-Nasen-Schutzes oder die Schließung der Gastronomie und des Einzelhandels. Anders als heute schreckte man davor zurück, das Privatleben und die Wirtschaft einzuschränken. Herbert Pfister, der damalige Chefvirologe der Kölner Uniklinik, meinte bezüglich des beginnenden Karnevals im Rheinland: „Ein Bützchen [Kuss, Anm. d. Red.] auf die Wange birgt wahrscheinlich kein höheres Übertragungsrisiko, als wenn man aus einem Meter Entfernung von jemand angehustet wird.“

Bereits im 19. Jahrhundert waren Mittel gegen eine Ausbreitung bekannt.

Dass diese Haltung fatal sein kann, zeigte sich etwa 90 Jahre früher während der Spanischen Grippe: Im Herbst 1918 veranstaltete das Militär im amerikanischen Philadelphia eine große Parade mit 200.000 Zuschauern auf den Straßen. Drei Tage später waren die Krankenhäuser überfüllt. Innerhalb von einer Woche starben 5000 Menschen. Weltweit fielen innerhalb von nur zwei Jahren zwischen 27 bis 50 Millionen Menschen der Spanischen Grippe zum Opfer.

Als 1957 die Asiatische Grippe Deutschland erreichte, stellte sich heraus, dass man aus der letzten Pandemie nicht gelernt hatte: In einem Interview mit dem damaligen Bremer Gesundheitsamt hieß es, dass es keinerlei Grund zur Besorgnis gäbe. Die Schulen blieben offen und statt des gründlichen Händewaschens wurde das Gurgeln mit Wasserstoffsuperoxid empfohlen. Ein Jahr später waren circa 30.000 Menschen in Deutschland an der Pandemie gestorben.

Eine derartige Ausbreitung hätte man sowohl während der Spanischen als auch zu Zeiten der Asiatischen Grippe mit nötigen Maßnahmen verhindern können. Eine Flugschrift zur Verhütung der Cholera von 1866 zeigt, dass bereits im 19. Jahrhundert wirksame Mittel gegen die Ausbreitung von Seuchen bekannt waren: Man solle beispielsweise Wohnräume, in denen sich Infizierte aufhielten, desinfizieren, sich die Hände regelmäßig waschen und Wasser abkochen. Zusätzlich wurde für Kranke dringend Quarantäne empfohlen.

Während der bis heute schlimmsten Pandemie, der Lungen- und Beulenpest im 14. Jahrhundert, setzte man erstmals Maßnahmen zur Verhinderung exponentiell wachsender Fallzahlen ein: Der Stadtstaat Venedig richtete auf der Isola del Lazzaretto Nuovo ein Isolationszentrum ein. Dort wurden Reisende und Händler für dreißig bis vierzig Tage isoliert, nachdem sie sich Essigbädern unterziehen mussten. Die Handelswaren wurden per Rauchbehandlung mit würzigen Kräutern, Essigbädern für Leder und Felle oder dem Waschen mit salzigem sowie kochendem Wasser desinfiziert.

Der venezianische Aktionismus konnte den periodischen Ausbruch der Pest jedoch nicht verhindern. Allein die Seuchenwelle von 1347 bis 1352 forderte mehr als 25 Millionen Todesopfer- rund ein Drittel der damaligen Bewohner Europas.

Fälschlicherweise identifizierten damalige Mediziner und Wissenschaftler Miasmen, unsichtbare giftige Dämpfe, die aus dem Boden aufsteigen, als Ursache für die Pandemie. Man war noch nicht in der Lage den Erreger, Yersinia pestis, und seinen Überträger, den Rattenfloh, zu bestimmen. Das Identifizieren von Krankheitserregern wie Yersinia pestis gelang erst mit dem Aufkommen der modernen Wissenschaft im 19. Jahrhundert.

Aus der Geschichte lernen- Hygienemaßnahmen ernst nehmen

Heute begegnet man Seuchen und Pandemien sowohl mit Schutzmaßnahmen als auch mit moderner Wissenschaft: Der Covid-19-Erreger wurde am 7. Januar 2020 offiziell als unbekanntes Coronavirus nach der Untersuchung von 15 Blutproben und Rachenabstrichen Erkrankter identifiziert.

Während vor dem diesjährigen Karneval die Gefahr des Virus von den Landesregierungen noch stark unterschätzt wurde, zeigten sich zwei Wochen später bereits erste Krankheitsausbrüche wie im Kreis Heinsberg. Als die Infektionszahlen sprunghaft anstiegen, wurde von Seiten der Politik schnell reagiert. Großveranstaltungen wurden abgesagt und erste Hygienevorschriften verhängt. Am 16. März trat dann die deutschlandweite Kontaktsperre in Kraft. Der Einzelhandel, Restaurants, Kinos, Theater, Kitas, Schulen und Universitäten wurden geschlossen, öffentliche Orte wie Sport- und Spielplätze gesperrt. Zwei Tage später, am 18. März 2020, wandte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer historischen Fernsehansprache an die Bevölkerung und appellierte an die Menschen, sich im Interesse aller an die einschränkenden Maßnahmen zu halten.

Nach anfänglicher Bereitschaft, die persönliche Freiheit zu beschneiden, wurden nach zwei Monaten die Proteste gegen die Kontaktbeschränkungen lauter. Grund dafür ist, dass die panische Angst vor Epidemien ebenso schnell nachlässt, wie sie sich aufbaut. Durch die Omnipräsenz der Berichterstattung über Covid-19 kommt es zu einem Gewöhnungseffekt und die Bevölkerung arrangiert sich mit dem Infektionsrisiko.

Es wäre jedoch fatal, diesem Bedürfnis nach Entspannung zu schnell nachzugeben, wie die Geschichte zeigt: Seuchen kommen immer in Wellen. Die Auseinandersetzung mit dem Coronavirus ist noch nicht ausgestanden. Historische Erfahrungen können neben modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen dazu beitragen, die aktuelle Pandemie einzudämmen und erfolgreich zu bekämpfen.

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