Was ist noch Krise und was „the new normal“? Unter diesem Motto fand der diesjährige Kommunikationskongress statt. H&C Stader war bei der größten Fachveranstaltung für PR und Kommunikation wieder dabei. Dieses Jahr online - eine neue Erfahrung:

Seit fünf Jahren sind wir Partner des Kommunikationskongress, den wir intern nur mehr KoKo nennen. Vier Jahre lang begann die Kontaktaufnahme mit den Organisator*innen zu Jahresbeginn. Themen für Speaking Slots wurden erarbeitet, um den Wunsch-Time Slot gefeilscht, griffige Texte für das PR-Jahrbuch formuliert und  zuletzt sogar ein Messestand designt, der unsere Sichtbarkeit auf dem zweitägigen Event im Berliner Kongresszentrum erhöhte. Hotelzimmer und Bahntickets mussten gebucht werden, die Werbetrommel gerührt, bis es dann im September soweit war und wir uns tatsächlich auf den Weg nach Berlin machten. Das Format lebt von den diskussionsreichen Sessions, den persönlichen Begegnungen mit bekannten Kolleginnen und Kollegen und von neuen Kontakten. Doch mit Beginn der Corona-Pandemie musste sich der KoKo neu erfinden. Und mit ihm unsere Position auf dem Event. Nachdem die Organisator*innen nach einer ersten Schockstarre das neue zweigeteilte Format vorgestellt hatten – teilnehmerbegrenzte Präsenz vor Ort und unbeschränkte Teilnahme digital-, entschieden wir uns die rein digitale Teilnahme auszuprobieren. Wir hatten damit auf dem Tag der Industriekommunikation (kurz TIK), perfekt organisiert vom Bundesverband Industrie Kommunikation (bvik), bereits gute Erfahrungen gemacht. Nachhaltig beeindruckt haben uns dort die dreidimensionalen Anmutungen der Räumlichkeiten. Wir konnten selbst erleben, dass sich auch digital eine Art Kongressambiente abbilden lässt, in dem man sich als Besucher und Besucherin „bewegen“ kann- quasi vom Infopoint in den Vortragsraum schlendern. Dieses Raumerlebnis bot die Oberfläche des digitalen KoKo nicht. Dieser präsentierte sich weniger fancy, aber dafür sehr funktional.

Selbstverständlich fehlten sowohl beim TIK als auch beim KoKo die persönlichen Kontakte vor Ort, aber dafür haben wir mit unserem online Speaking Slot eine deutlich größere Zuhörerschaft erreicht. Ebenso bleiben auch rein digital die Impulsvorträge der Keynote-Speaker*innen beeindruckend und die Vortragsangebote inspirierend.

Schon „vor Corona“ veränderte die Digitalisierung unser Leben zunehmend, nun, in Zeiten der Pandemie wird sie mehr denn je als Chance wahrgenommen. Der Mensch als „Gewohnheitstier“ passt sich erfahrungsgemäß schnell an die Veränderungen der Zeit an. Aber Kongresse und Messen in der digitalen Welt – ist das wirklich die Zukunft? Ein Blick auf die Geschichte zeigt: Wandel und Veränderung gab es immer und „the new normal“ ist schnell Status quo. Doch häufig verlaufen Entwicklungen parallel und das Alte bleibt neben dem Neuen bestehen:

Den Markt(-platz) gibt es schon in der Antike. Über Jahrhunderte hinweg bis heute ist der, nennen wir ihn „klassische“, lokale Markt, ein Ort, an dem Menschen physisch zusammenkommen, um Waren zu kaufen und zu verkaufen. Die Märkte sind für das gesellschaftliche Leben, beispielsweise in Rom, so prägend, dass ihre Spuren sich noch heute im Stadtbild finden. Unter Kaiser Trajan (98-117) werden erstmals Marktzentren errichtet: halbkreisförmig reihen sich hier „Läden“ aneinander, in denen Waren aus dem ganzen Imperium feilgeboten werden. Wer die Trajan-Märkte heute in Rom besucht, kann das geschäftige Treiben und den regen Austausch des antiken Rom noch erahnen, während gleichzeitig die Assoziation an ein modernes Einkaufszentrum mitschwingt.

Im Mittelalter entwickelt sich das Marktrecht. Wer einen Wochen- oder Jahrmarkt abhalten will, braucht eine Genehmigung des Marktherrn. Dieser konnte der König oder ein anderer Landesherr sein. Der Markt wird zu einem Privileg, der Marktbesuch durch verschiedene Rechte und Bestimmungen geregelt. Neben diversen zu entrichtenden Abgaben gibt es, wie auch heute, sogar Wegeordnungen.

Parallel zu den Märkten entwickeln sich Messen, in Deutschland etwas später als in anderen Teilen Europas. Hier tauschen Händler ihre Waren aus und stellen einem breiten Publikum ihre Innovationen vor. Aber bereits im Hochmittelalter geht es dabei nicht ausschließlich um den Handelsaspekt. Messen sind schon damals ein überregionales Event, bei dem man zusammenkommt und auch feiert. Schnell entwickeln sich Messezentren, die bis heute bedeutende Handelszentren sind, wie in den Städten Frankfurt am Main und Leipzig.

Um 1900 verändern sich diese Messen entscheidend und gehen mit den Entwicklungen der Zeit. Die Geschichte der bekannten Leipziger Messe zeigt das deutlich: Wandelten die Krämer vor der Moderne noch in den dunklen Kaufgewölben des „Auerbach Hof“, präsentierten sie ihre Waren 1912 in der neobarocken „Mädler Passage“. Die monumentale Architektur mit neumodischem, elektrischem Licht überzeugte Kaufleute, ihre Waren hier anzubieten. Aus diesen Messehäusern entwickelten sich dann auch parallel die modernen Einkaufspassagen und großen Messegelände.

Lokale Märkte und internationale Messen sind auch heute noch wichtige Plattformen für Unternehmen, um sich und ihre Innovationen zu präsentieren, und dies, obwohl sich parallel dazu verschiedene digitalen „Marktplätze“ etabliert haben. Angefangen von der eigenen Website über regelmäßig bespielte Social Media Kanäle bis hin zu virtuellen Fachmessen. Während aber das online Shoppen aus unserem Alltag nicht mehr weg zu denken ist, stellt uns die rein digitale Teilnahme an Messen und Konferenzen sowie die rein virtuelle Customer Journey vor neue Herausforderungen. An dieses Corona bedingte „new normal“ müssen wir uns erst gewöhnen. Und auch wenn Reichweiten in digitalen Formaten weit größer sind als im physischen Vortragsraum, moderierte Fragerunden einen Austausch ermöglichen und kompetente Vortragende auch online ihre Wirkung erzielen, lässt sich die physische Präsenz der Zuhörerschaft und die sinnliche Erfahrung solcher Events nicht erlebbar machen. So lange haben wir uns im Wirtschaftsleben nach stabilen, vielseitigen online Plattformen gesehnt, haben Webdesigner und E-Commerce Spezialisten mit unseren digitalen Träumen in den Wahnsinn getrieben, um jetzt, wo sie unsere neue (Arbeits)Wirklichkeit darstellen, festzustellen, dass der persönliche, physisch spürbare Kontakt auch im Wirtschaftsleben durch nichts zu ersetzen ist.

Jessica Drews und Esther Graf