„Wegen Corona abgesagt“- dies müssen gerade all jene Unternehmen kolportieren, die ein Jubiläum mit ihrer Belegschaft und ihren Kunden feiern wollen. Betriebsfeiern und Tage der offenen Tür fallen ebenso weg wie Festakte und Ausstellungen auf dem Firmengelände. So wie für Museen und andere Kulturbetriebe gilt deshalb auch für Unternehmen aus der Not eine Tugend zu machen und die für das Firmenjubiläum geplante Ausstellung oder Führung über das Werksgelände kurzerhand in den virtuellen Raum zu verlegen. Bei näherer Betrachtung der medialen Möglichkeiten mit Augmented und Virtual Reality erkennt man schnell, dass sich hier Chancen für ein digitales Erleben bieten, die auch jenseits von Corona attraktiv sind. Unser herkömmliches Bild, das wir von einem Ausstellungsbesuch haben, kann durch ansprechende digitale Formate überwunden werden.  Denn nach wie vor ist die Hemmschwelle eine Ausstellung zu besuchen bei vielen Menschen groß, erwartet werden zu lange, öde Texttafeln und eine festgelegte Besucherführung. Eine Online-Ausstellung kann hier gegensteuern, schließlich kann man ja „einfach mal reinklicken” – wer dann von ausdruckstarken Bildern und einer spannenden Geschichte in den Bann gezogen wird, bleibt meistens am Ball. In Bezug auf Unternehmensgeschichte können im digitalen Format historische Materialien wie bspw. die Gründungsurkunde, essentielle Patente, Ausschnitte aus Zeitzeugeninterviews, alte Werbefilme oder Produktentwicklungen ansprechend und dreidimensional in Szene gesetzt werden. Ausgefeilte Menüführungen erlauben es den virtuellen Besucher:innen frei zu wählen, ob sie sich hauptsächlich in einzelne Biografien oder in technische Erfindungen vertiefen möchten. Ebenso ist der Zeitpunkt des Ausstellungsbesuchs frei wählbar, die Verweildauer und Häufigkeit des Reinklickens selbst bestimmbar.

Die Zukunft ist hybrid
Die freie Verfügbarkeit von Zuhause aus und die reizvolle Verbindung von historischem (Bild)Material mit virtuellen Effekten sind keine coronabedingten Eintagsfliegen- im Gegenteil. Sie sind zukunftsweisend und werden sich neben analogen Angeboten dauerhaft etablieren- ähnlich wie bei den Print-Medien, die man durch die digitale Variante auch tot glaubte, die aber nun seit einigen Jahren ein friedliches Nebeneinander fristen und sich inhaltlich gegenseitig befruchten. So wie man sich in diesem Bereich an die hybriden Formate gewöhnt hat, werden sie im Ausstellungs- und Veranstaltungssektor gleichermaßen der Standard werden. Hybride Präsentationsformen bieten auch für Unternehmen immense Vorteile, die sich u. a. in der standortunabhängigen, größeren Reichweite und damit verbundenen geringeren Reisekosten niederschlagen werden.

Digitale Stolperfallen
Drei Dinge sollten unbedingt bei der Gestaltung einer digitalen Ausstellung beachtet werden:

1. Nicht verkünsteln. So reizvoll die neuen technologischen Möglichkeiten sind, ist es doch ratsam, auf dem Teppich zu bleiben und sehr genau abzuwägen, was zum Unternehmen passt. Im Vordergrund stehen die Firmengeschichte und die Überlegung, wie man diese lebendig vermitteln kann. Von virtuellen Spielereien um ihrer Selbstwillen ist abzuraten.

2. Zielgruppen definieren. Jede gelungene Ausstellung steht und fällt mit einem Konzept, das die Zielgruppen im Blick hat. Dies gilt auch für das digitale Format. Mitarbeitende interessieren andere Themen als die Öffentlichkeit. Auch sprachlich sind die Zielgruppen zu berücksichtigen. Denn während Betriebsangehörige mit branchenüblichen Fachausdrücken vertraut sind, sind diese Außenstehenden nicht geläufig.

3. Lebendig erzählen. Zu den wunderbaren Möglichkeiten der virtuellen Ausstellung gehört, Schriftstücke mit Hördokumenten und Bewegtbild in einem „Raum“ kombinieren zu können. Jede Firmengeschichte lebt von den authentischen Erzählungen ihrer langjährigen/ehemaligen Mitarbeitenden. Ausschnitte aus Zeitzeugengesprächen dürfen deshalb in keiner Jubiläumsausstellung fehlen!

Von den Besten lernen
Bleibt nur noch die Frage: Woher sollen Kommunikationsabteilungen von Firmen wissen, welche (bezahlbaren) Umsetzungsmöglichkeiten die Digitalisierung für virtuelle Ausstellungen tatsächlich bietet? Während viele deutsche Museen nach wie vor auf die einfachere und kostengünstigere Variante der gefilmten Museumsführung durch einen/eine Mitarbeiter:in zurückgreifen, haben andere bereits vor Corona die Zeichen der Zeit erkannt und ausgetüftelte virtuelle Ausstellungen auf den Weg gebracht.

Drei ausgewählte Beispiele stellen wir Ihnen hier vor.

Gleich mehrere virtuelle Ausstellungen bietet die ZDF Digitale Kunsthalle. Will man sich beispielsweise Kunstwerke von Max Beckmann ansehen, betritt man einen virtuellen Ausstellungsraum, in dem man sich mithilfe der Computermaus vorwärts bewegen und die Kunstwerke anklicken kann. Die Informationen zu den einzelnen Bildern stehen dann sowohl schriftlich als auch als Audio zur Verfügung.

Seit Mai zeigt die Landesgesellschaft “Kulturprojekte Berlin” unter dem Titel „75 Jahre Kriegsende“ eine komplett digitale Ausstellung zum Ende des Zweiten Weltkriegs: Der Besucher kann ausgewählte historische Szenen hier in 360°-Sphären betrachten und sich durch die Geschichten zum Kriegsende scrollen und klicken. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit einen Podcast zu hören, eine Augmented Reality-App zu nutzen und im Videoprojekt „Kriegskinder/Kinder der Blockade“, Zeitzeug:inneninterviews zu sehen.

Einen beeindruckenden virtuellen Rundgang in 3D-Animation bietet das Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz. Der Besucher kann alle Stockwerke selbst erkunden oder sich durch die Räume führen lassen. Mittels Computermaus ist es auch möglich, so nahe an die Ausstellungstafeln heran zu zoomen, dass die Texte gut lesbar sind.

Unternehmen sollten es in Hinblick auf ihr Jubiläum den Kultureinrichtungen gleich tun und die Einschränkungen der Corona-Pandemie als kreative Chance verstehen. Denn die Vorteile digitaler Lösungen sind auch für Firmen relevant: mit einer digitalen Ausstellung zu ihrer Unternehmensgeschichte erreichen sie mehr Menschen, überall und zu jeder Zeit. Außerdem ermöglichen Online-Angebote, die Unternehmensgeschichte immer wieder aufs Neue zu erscrollen und Detailaspekte zu entdecken. Kommt ein neuer Meilenstein hinzu, kann die Ausstellung problemlos erweitert und verändert werden. Auf diese Weise ist sie nicht auf das Jubiläumsjahr beschränkt, sondern wächst kontinuierlich weiter.

Wer digital denkt, handelt also langfristig.

Fotonachweis: Andy Mayer, Pixabay