Realität ist das, was nicht weggeht
Überlegungen nach einem Konferenzen-Marathon
In den vergangenen Wochen war ich viel unterwegs. In Berlin, beim Kommunikationskongress. Bei der ICA-SBA Conference of Business Archives in Brüssel. Und zuletzt beim Deutschen Marken Summit des F.A.Z.-Instituts in Frankfurt. Drei spannende, aber auch sehr unterschiedliche Events, die zwischen Archivwesen, Markenführung und Unternehmenskommunikation die Bandbreite meiner Arbeit gut abbilden. Dabei ist nicht immer einfach zu erklären, was diese Welten eigentlich verbindet, was ein Workshop zu Reputation Management mit Datenbanksystem im Archivwesen zu tun hat.
Und doch hat mich über alle drei Veranstaltungen dieselbe Frage begleitet. Ein Gedanke, der über den Alltag in der Kommunikation hinausgeht und mich nicht losgelassen hat: Die Frage nach dem Verhältnis von Kommunikation und Wirklichkeit. Ein paar Gedanken dazu.
Zwei Sätze, die mir nicht aus dem Kopf gehen
Auf dem Marken Summit in Frankfurt wurde ein Satz zitiert, der dem Science-Fiction-Autor Philip K. Dick zugeschrieben wird: „Realität ist das, was nicht verschwindet, wenn man aufhört, daran zu glauben“ – ein bemerkenswertes Zitat für einen Autor, in dessen Erzählungen die Wahrnehmung oft unzuverlässig ist, in denen Illusion und Wirklichkeit für die Charaktere verschwimmen. Und ähnlich hatte ich diesen Satz bereits vor einigen Jahren gehört, sinngemäß: „Realität ist das, was nicht weggeht.“
Die für sich genommen schlichten Aussagen sind nicht nur eine Reflektion über die Fehlbarkeit von Wahrnehmung. Sie berühren fast schon provokativ zentrale Fragen unserer heutigen Debattenkultur. Denn immer mehr drehen sich Debatten um die Frage, was wahrgenommen wird. Was erzählt wird. Was sichtbar wird. Was Aufmerksamkeit erhält. Das mögen Gemeinplätze sein für eine Branche, die von Aufmerksamkeit lebt. Das ist verständlich. Kommunikation beschäftigt sich schließlich mit Wahrnehmung.
Aber immer wieder ertappte ich mich in den letzten Wochen bei einer Überlegung, die draus folgt: Wann wird aus der Beschreibung von Wirklichkeit deren Ersatz?
Die Macht der Narrative
Auf allen drei Konferenzen wurde über Narrative gesprochen. Über Storytelling. Über Reputation. Spezifisch auch über die Deutung von Vergangenheit, über Haltung, Verantwortung und die Gestaltung der Zukunft. Das ist nichts Neues: Menschen und auch Organisationen orientieren sich an Geschichten, Narrative helfen uns die Welt zu verstehen und zu sortieren. So weit so gut.
Doch etwas hat sich verschoben. Natürlich waren Erzählungen schon immer Gegenstand von Auseinandersetzungen über Deutungshoheit und Gewichtung. Schon immer war klar, dass Narrative eine Perspektive und eine Haltung ausdrücken. Die neue Herausforderung beginnt aber dort, wo Narrative wichtiger werden als die Realität, auf die sie sich beziehen. Denn eine gute Geschichte macht Sachverhalte verständlich. Sie kann sie aber nicht ersetzen.
Für unser Verständnis von Kommunikation ist das in meinen Augen zentral. Denn eine Marke kann „Vertrauen“ kommunizieren. Sie kann Vertrauen aber nicht herstellen, wenn die dahinterliegende Realität nicht trägt. Ein Unternehmen kann „Werte“ formulieren. Doch letztlich entscheidet das tägliche Handeln darüber, ob diese Werte glaubwürdig sind. Kommunikation kann Aufmerksamkeit schaffen. Sie kann Wirklichkeit jedoch nicht dauerhaft überdecken.
Was Historiker vielleicht etwas skeptischer macht
Als Historiker begegne ich Narrativen mit einer gewissen Zurückhaltung. Einerseits sind sie Teil unseres Handwerkszeugs, um aus Fakten eine verständliche Geschichte zu machen. Gleichzeitig zeigen sich aber gerade in der historischen Rückschau zahllose Beispiele, in denen zeitgenössische Gewissheiten sich als Irrweg erwiesen haben. Narrative ändern sich. Moden kommen und gehen. Politische Überzeugungen wechseln. Images entstehen und verschwinden.
Und irgendwann stellt sich unweigerlich immer die gleiche Frage: Was ist tatsächlich geschehen? Die Geschichtsforschung behauptet nicht, hier allgemeingültige Antworten geben zu können. Aber wie nur wenige Fachgebiete sind wir es gewohnt, kritisch mit überlieferten Narrativen umzugehen – und durch beständige, mühevolle Prüfung unserer Quellen so weit zur Realität vorzustoßen, wie es nur geht. Die Quellen sind ein Anker, sind „das was nicht verschwindet.“
Gerade darin liegt für mich die besondere Bedeutung von Archiven und historischer Forschung. Sie erinnern Organisationen daran, dass zwischen Wahrnehmung und Realität ein Unterschied besteht. Ein manchmal sehr großer Unterschied.
Eine unbequeme Frage für unsere Branche
Es wäre zu einfach, daraus eine pauschale Kritik an Kommunikation oder Public Relations abzuleiten. Kommunikation ist unverzichtbar, jede Organisation, jede Gesellschaft braucht sie.
Und doch lohnt sich eine selbstkritische Frage: Hat sich Kommunikation an manchen Stellen zu weit von der Realität entfernt? Weil digitale Öffentlichkeit zunehmend Aufmerksamkeit belohnt, nicht notwendigerweise Substanz. Weil Geschwindigkeit oft wichtiger erscheint als Einordnung. Weil Reichweite sichtbarer ist als Glaubwürdigkeit. Und weil Inszenierung manchmal einfacher ist als Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Problemen.
Vielleicht erklärt dies zumindest teilweise das Vertrauensproblem, das wir heute in vielen gesellschaftlichen Bereichen beobachten. Denn Menschen haben häufig ein erstaunlich gutes Gespür dafür, ob Kommunikation auf einer belastbaren Wirklichkeit beruht, oder lediglich deren Oberfläche beschreibt.
Ein Goldbarren geht durch den Saal
Diese Perspektive wurde mir nochmals sehr klar vor Augen geführt bei einem Vortrag auf dem Deutschen Marken Summit. Degussa-CEO Alexander Betz startete seinen Vortrag mit einer kleinen Demonstration: Er ließ einen Goldbaren durchs Publikum reichen. Von Hand zu Hand wanderte er durch den Saal. Ein einfacher und zugleich ungewöhnlich wirkungsvoller Moment.

Plötzlich hielten Menschen etwas in den Händen. Kein Bild auf einem Bildschirm. Kein digitales Asset. Kein Markenversprechen. Sondern ein reales Objekt mit Gewicht (erstaunlich schwer fand ich, der ich doch nur allzu selten mit Goldbarren hantiere), Dichte und Geschichte. Gold ist etwas, das Menschen seit mehr als 5.000 Jahren als Währung, Tauschmittel und Wertaufbewahrung akzeptieren. Auch sein Wert ist letztlich Ergebnis einer Erzählung – aber einer Erzählung, die auf etwas Realem, Greifbaren fußt.
Gerade darin bestand die Stärke von Alexander Betz‘ Inszenierung. In einer Finanzwelt, die auf Zahlen auf Bildschirmen und Millisekunden-Signalen in Unterseekabeln beruht, ist ein greifbarer, spürbarer Vermögenswert sprichwörtlich Gold wert. Das heißt nicht, dass die abstrakten Werte nichts zählen. Doch es wird ein Unterschied sichtbar, der weit über die Finanzwelt hinausreicht: Der Unterschied zwischen Darstellung und Substanz; zwischen dem, was erzählt und versprochen wird, und dem, was tatsächlich vorhanden ist.
„Golden Nuggets“ in der Geschichte
Als Historiker suchen wir etwas Ähnliches. Wir suchen nach Quellen, Dokumenten, Artefakten und Fakten. Nach dem, was bleibt, wenn Interpretationen wechseln. Nach den „golden nuggets“ in der Geschichte von Unternehmen und Institutionen: den Spuren dessen, was tatsächlich war.
Vielleicht faszinierte mich dieser Goldbarren deshalb mehr als manche Präsentation. Er erinnerte daran, dass hinter einer starken Erzählung vor allem eine Realität stehen muss, auf die sie sich bezieht. Und dass Vertrauen letztlich immer dort entsteht, wo beides zusammenfällt.
Die im Beitrag genannten Veranstaltungen im Überblick
Kommunikationskongress (16. & 17.09.2026) in Berlin
Berlin | 16. & 17. September 2026
Deutschlands führender Branchenkongress für Kommunikation, PR und Unternehmenskommunikation.
Marken Summit des F.A.Z.-Instituts in Frankfurt
Frankfurt | 22. & 23. September 2026
Branchentreff für Markenverantwortliche zu Themen wie Markenführung, Reputation und strategische Kommunikation.
ICA-SBA Conference (21. & 22.10.2026) in Brüssel
Brüssel | 21. & 22. Oktober 2026
Internationale Fachkonferenz für Unternehmensarchive mit Fokus auf Corporate Heritage, Wissensmanagement und den strategischen Umgang mit Unternehmensgeschichte.