Gedenktage haben ihre besondere Geschichte. Dies trifft vor allem auf den 8. Mai zu. Die vielen unterschiedlichen Perspektiven zeigen, wie sich das Gedenken und die Erinnerung an das Kriegsende über Generationen gewandelt hat – in Deutschland, Europa und der Welt. Unser Blog-Beitrag zum 8. Mai  ist von unserer neuen Team-Kollegin Jessica Drews. Die junge Historikerin wirft dabei einen erfrischenden Blick auf diesen bedeutungsvollen Tag: sie denkt vor allem und ganz selbstverständlich europäisch.

Als die “größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg” bezeichnete die UN die Corona-Pandemie Ende März. Die Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkrieges tritt in Anbetracht der Covid-19-Krise in den Hintergrund. Dabei darf nicht vergessen werden, dass der Krieg eine gemeinsame europäische Erfahrung war und die Kapitulation vor 75 Jahren eine Zäsur darstellt. Die Kapitulation der Deutschen Wehrmacht und das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa vor 75 Jahren werden in den europäischen Erinnerungskulturen vielfältig gedeutet. Ob als Tag der Befreiung, des Neuanfangs oder des Sieges – der 8. Mai kennzeichnet das Ende des grauenvollen Sterbens im Zweiten Weltkrieg und gleichzeitig den Beginn des Europas, in dem wir heute leben. Ein Europa der offenen Grenzen, in dem die Würde des Menschen ein unverzichtbares Gut darstellt. Ein Europa, das zeigt: Wir können aus unserer Geschichte lernen!

Die bedingungslose Kapitulation Deutschlands trat am 8. Mai 1945 in Kraft. Unterzeichnet wurde sie einen Tag zuvor durch Generaloberst Alfred Jodl im alliierten Hauptquartier von General Dwight D. Eisenhower im Französischen Reims. Auf Drängen Josef Stalins wurde die Unterzeichnung in der Nacht zum 9. Mai 1945 im Sowjetischen Hauptquartier Berlin-Karlenhorst wiederholt, um symbolisch auch den Verdienst der siegreichen Roten Armee hervorzuheben und nicht im Schatten der West-Alliierten zu stehen. Bis heute ist in Russland der 9. Mai der zentrale Gedenktag.

In Großbritannien verkündete Churchill das Ende der Kriegshandlungen am 8. Mai über das Radio. Auch heute noch wird am 8. Mai, der VE Day (Victory in Europe Day), im öffentlichen Gedenken als ein Tag des Sieges gefeiert. In Frankreich wird mit der „Fête de la Victoire“, einem nationalen Gedenktag, dem Ende des Zweiten Weltkrieges gedacht. Jährlich entzündet der französische Präsident die Flamme am Grab des unbekannten Soldaten, um den Opfern des Krieges zu gedenken. Doch der 8. Mai war in Frankreich nicht immer ein Feiertag. Zunächst, 1946-1952, war er als gesetzlicher Gedenktag festgelegt, allerdings nur, wenn der 8. Mai auf einen Sonntag fiel, andernfalls wurde der Sieg am darauffolgenden Sonntag gefeiert. Erst 1953 forderten die ehemaligen Mitglieder der Résistance die Einführung des 8. Mai als staatlichen Feiertag, bis er schließlich 1959, im Geiste der Versöhnung mit Deutschland durch Charles de Gaulle erneut abgeschafft wurde. 1968 abermals als Gedenktag eingeführt, wurde ab 1975 jedoch nicht mehr dem Sieg über den Nationalsozialismus gedacht. Im Zeichen der deutsch-französischen Aussöhnung wurde der 8. Mai zum „Journée de l’Europe“ (Europatag).  1981 schließlich erklärte Präsident François Mitterrand den 8. Mai wieder zum nationalen Gedenktag an das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa. Neben dem 8. Mai ist das öffentliche Gedenken in Frankreich stark durch die Er- innerung an die „Libération“, die Befreiung von Paris, geprägt.

In Russland wurde die Nachricht der Kapitulation aufgrund der Zeitverschiebung erst einen Tag später verkündet, weshalb die Paraden zum Tag des Sieges hier am 9. Mai abgehalten werden. Es gibt aber auch europäische Länder, in denen anderen Gedenktagen eine größere Rolle für das Erinnern an das Ende des Zweiten Weltkrieges zukommt. In den Niederlanden etwa wird der Befreiung von den Nationalsozialisten am 5. Mai gedacht, dem Tag, an dem 1945 die Kapitulation der Wehrmachtstruppen in den Niederlanden und Dänemark in Kraft trat. In Italien steht am 25. April das Gedenken an die Erfolge des Antifaschistischen Nationalen Befreiungskomitees im Zentrum des öffentlichen Gedenkens. Damit wird in Italien auch der Sieg über den italienischen Faschismus in den Fokus gerückt.
In Österreich fällt die Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkrieges ebenfalls auf den 5. Mai, den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen. In jüngster Zeit jedoch rückt auch der 8. Mai in den Fokus der Erinnerung, seitdem deutschnationale und rechtsextreme Burschenschaften 2002 ein Totengedenken für die Gefallenen der Weltkriege auf dem Wiener Heldenplatz inszeniert haben.

In Deutschland ist der 8. Mai ein Gedenktag, den wir gemeinsam mit den Siegern begehen. Doch diese Bereitschaft zum Gedenken war in Deutschland nicht von Anfang an gegeben.

1945 waren die Reaktionen auf den Sieg der Alliierten von Ambivalenz geprägt. Der Tag der Kapitulation war für die einen ein Tag der Niederlage, für die anderen ein Tag der Befreiung. Im Zeichen der geteilten Weltordnung entwickelten sich
im geteilten Deutschland zudem unterschiedliche, konkurrierende Erinnerungsnarrative. Die DDR, die sich Schulter an Schulter mit der Sowjetunion auf der Seite der Sieger sah, führte für den 8. Mai bereits 1950 einen gesetzlichen Feiertag, den „Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus“ ein. In Westdeutsch- land spielte der 8. Mai dem gegenüber lange Zeit keine Rolle. Unklar war, wie das Ende des Krieges erinnert werden sollte, als Tag der Kapitulation, der Niederlage, des Verlusts oder als Tag der Befreiung und des Neubeginns?

1985 schließlich war es Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der einen Paradigmenwechsel in Westdeutschland herbeiführte und ein Erinnerungsnarrativ eröffnete, das der Ambivalenz des Gedenkens Rechnung trägt und Trauer um die Opfer des Nationalsozialismus wie Freude über die Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gleichermaßen umfasst.

„Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewalt- herrschaft. Niemand wird um dieser Befreiung Willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewalt- herrschaft, die zum Krieg führte.“
Die vollständige Rede im Wortlaut finden Sie hier.

Auch 75 Jahre nach dem Ende der Kriegshandlung wird in Deutschland darüber diskutiert, den 8. Mai als gesetzlichen Feiertag im öffentlichen Gedenken zu verankern. In den andauernden Debatten wird die Ambivalenz und Vielschichtigkeit des Datums nach wie vor deutlich, auch in transnationaler Perspektive.

Abbildung: National Archives 138926903