Trauern oder Feiern?

Das alljährliche Dilemma am 9. November

 

Terminkollisionen sind immer ein Problem. Im Privaten haben wir das alle schon mal erlebt. An ein und demselben Tag finden zeitgleich ein einmaliges Konzert und die Geburtstagsparty eines engen Freundes statt. Wofür sich entscheiden? Welcher Veranstaltung den Vorzug geben? Will man doch den eigenen Interessen in seiner Freizeit nachgehen, sich aber auch gerne seinen Freunden widmen, für die man oftmals zu wenig Zeit hat.

Ein ähnliches Dilemma ereilt mich jedes Jahr am 9. November. Kein anderes Datum im Jahr ist derart problematisch historisch mehrfach belegt wie der 9. November:

An diesem Tag, in der Nacht zum 10. November fand 1938 die Reichspogromnacht statt. Kein von langer Hand geplanter brutaler Übergriff auf jüdische Bürger in Deutschland und Österreich, sondern ein sich entfesselndes Pogrom, das von nationalsozialistischen Schergen angezettelt wurde, an dem sich aber im Verlauf des Abends viele Normalbürger beteiligten oder verängstigt wegsahen. Die unzähligen zerstörten Geschäfte mit ihren zersplitterten Schaufenstern brachten dem Ereignis seinen irreführenden Namen „Reichskristallnacht“ ein. Mir schaudert bei dem Begriff, denkt man doch bei Kristall an etwas Schönes- fein geschliffene Kristallluster oder kristallklares Wasser. Nichts dergleichen passt zu den schrecklichen Ereignissen dieser flächendeckenden Pogromnacht.


Beide Ereignisse sind Teil der deutschen Geschichte, also meiner Geschichte.

51 Jahre später, am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Jene Mauer, die Jahrzehnte lang Deutschland in zwei Staaten aufteilte, Familien auseinanderriss, Todesopfer forderte und als weithin sichtbares Symbol für das überwachende, von Unfreiheit geprägte Regime der DDR stand. Der Mauerfall- ein freudiges, politisch und sozial tiefgreifendes historisches Ereignis, das endlich wieder vereinte, was durch die Folgen des 2. Weltkriegs brutal getrennt worden war. Das Datum mahnt Zivilcourage an, erinnert an den Mut und die Kraft des Volkes auf die Straße zu gehen und friedlich für seine Freiheit zu demonstrieren.

Beide Ereignisse sind Teil der deutschen Geschichte, also meiner Geschichte. Beide Ereignisse berühren und erregen mich gleichermaßen. Also was tun am 9. November? Zu einer Gedenkveranstaltung für die Reichspogromnacht gehen oder an einer Feierstunde zum Mauerfall teilnehmen? Seit Wochen treibt mich, wie jedes Jahr, die Frage um. Noch habe ich keine Lösung gefunden, oder vielleicht doch? Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr löst sich das Dilemma auf. Denn durch meine Auseinandersetzung mit beiden zeithistorischen Ereignissen, vergegenwärtige ich sie mir und trauere und feiere in Gedanken.